Eine Dialogpredigt zwischen Daniela Seifert und Dr. Michael Brinkschröder
Michael: Hallo Daniela, hast du auch gerade diesen Brief gehört, den Paulus an unsere queere Community geschickt hat? Ich meine das über den Geist und die Vielfalt seiner Gaben.
Daniela: Hallo Michael, ja, das habe ich auch gehört. Ich fand es sehr stark, dass er so ausführlich auf die verschiedenen Fähigkeiten eingeht. Er spricht sogar davon, wie der Geist Gottes den Menschen unterschiedliche Charismen verleiht.
Michael: Ein Charisma – das ist ja schon etwas Außerordentliches, etwas, das nur ganz selten vorkommt. Und wir sollen das haben?
Daniela: Ja genau! Ich finde das gar nicht so weit hergeholt. Du z. B. bist doch Lehrer und kannst Erkenntnisse und Einsichten vermitteln. Ich bin überzeugt, dass deine Schüler:innen für ihr eigenes Leben etwas davon mitnehmen. Sicher sind manchmal auch etwas Weisheit und Lebenserfahrung dabei, die du vermitteln kannst.
Michael: Und bei dir sehe ich die Gabe zu heilen, denn du hast ja mal als Krankenschwester gearbeitet und Patient:innen gepflegt, als es ihnen gerade schlecht ging. Du hast die Fähigkeit, ihnen Zuwendung und Fürsorge zu geben. Das, finde ich, ist auch ein spezielles Charisma.
Daniela: Ein Beispiel für einen besonders starken Glauben ist für mich der heilige Franziskus. Er hat sich voll auf Gott verlassen und sich so sehr mit Jesus identifiziert, dass er sogar die Wundmale Jesu von der Kreuzigung an seinem eigenen Leib bekam. Und die Gabe, die Geister zu unterscheiden, besaß Teresa von Ávila. Sie hatte Erscheinungen und Visionen und brauchte lange, um sich sicher zu sein, dass sie von Gott stammten und nicht bloß Hirngespinste waren.
Michael: Dann nennt Paulus noch diejenigen, die als Prophet:innen reden. Für mich sind das Menschen, die die Probleme offen ansprechen, damit wir alle eine Zukunft haben und damit nicht einige wenige auf Kosten anderer leben. Ich finde z. B. dass Out in Church so eine prophetische Stimme ist, wo queere Menschen den Mut hatten, sich zu outen und die römisch-katholische Kirche damit zu konfrontieren, dass sie queere Menschen diskriminiert. Viele von uns sind damit ein großes persönliches Risiko eingegangen. Aber Gott war mit uns und hat es nicht dazu kommen lassen.
Daniela: Bestimmt gibt es auch bei unserer CSD-Parade prophetische Transparente, die den Finger in die Wunde legen und darauf hinweisen, dass es immer mehr Gewalttaten gegen queere Menschen gibt. Eine unbekannte Sprache haben wir heute auch dabei, denn Meike Döllefeld kennt die Gebärdensprache und übersetzt für unsere gehörlosen Geschwister, was wir gerade sagen. — Herzlichen Dank dafür, Meike!
Michael: Ja, das ist wunderbar! Hm — wunderbar ... Das bringt mich zu dem Charisma, das ich am allerwenigsten verstehe, nämlich die Fähigkeit, Wunder zu tun. Ich finde, da übertreibt Paulus ziemlich krass. Denn wer kann schon von sich behaupten, Wunder vollbringen zu können?
Daniela: Man muss da gar nicht an übernatürliche Wunder denken. Paulus schreibt an dieser Stelle wörtlich von energischen Taten, die Dynamiken verursachen. Eine neue Dynamik kann nämlich auch entstehen, wenn sich jemand mit großer Energie für eine gute Idee engagiert und andere motiviert, sich ebenfalls dafür einzusetzen.
Michael: Aha, so leuchtet mir das ein! Paulus muss bei seinem letzten Besuch bei unserer Community tatsächlich sehr sensibel hingeschaut haben, dass er diese Vielfalt an Charismen unter uns entdeckt hat! Die meisten davon hätte ich wahrscheinlich übersehen. Außerdem finde ich bemerkenswert, wie er uns damit wertschätzt.
Daniela: Wenn wir jetzt so darüber sprechen, dann fällt mir auf, dass es noch viel mehr Charismen in unserer Community gibt: z. B. die Gabe, Plakate zu gestalten (Bertram) oder die Gabe, Musik zu machen und uns zum Singen zu bringen (wie die Unicorns for Jesus). Die Gabe des Mitgefühls und der Empathie (Heike) oder die Gabe, sich mit vielen zu vernetzen (Wolfgang). Die Gabe, andere zu begeistern (Vroni) und die Gabe, queere Menschen und Allies aus unterschiedlichen Kirchen so zu koordinieren, dass etwas Gemeinsames dabei herauskommt (Daniel).
Michael: Und bestimmt noch viele weitere. Bloß — wie wird denn am Ende aus dieser riesigen Vielfalt der Gaben „unsere Stärke“?
Daniela: Indem sie zum Nutzen aller eingesetzt werden und so zum Gemeinwohl beitragen. Zum Nutzen aller bedeutet auch, dass ich mein Ego nicht in den Vordergrund stelle und denke, dass ich wichtiger bin als alle anderen.
Michael: Damit sie gut zusammenwirkt, muss die Vielfalt gut koordiniert werden. Vielleicht kann man sich das auch anhand eines Wagens bei der CSD-Parade verdeutlichen: Es braucht welche, die die Fähigkeit haben, einen riesigen Truck zu fahren und das technische Know-how für den Aufbau. Dann braucht es die Kreativität, ihn zu schmücken und Give-aways zu organisieren. Jemand muss planen, was man auf dem Wagen alles braucht und die Musik nicht zu vergessen. Und am Ende braucht es auch Menschen mit dem Mut, sich selbst mit Stolz in Pracht und Schönheit zu zeigen und damit zu demonstrieren: „Queer is beautiful“. Einen solchen Wagen beim CSD auf die Beine zu stellen, wie die evangelische Jugend und die Diakonie, nötigt mir größten Respekt ab. Viele müssen dafür „in ein und demselben Geist“ zusammenarbeiten, sonst wird das nichts.
Daniela: Zum Nutzen für alle? Wen meinst du damit? Für die queere Communi-ty? Für die Kirchen? Für die Stadt?
Michael: Ja und wir dürfen ruhig noch größer denken, denn wir demonstrieren und feiern heute nicht nur für uns, sondern für die Akzeptanz von queeren Menschen überall auf der Welt. Also: Für die Stadt und den Erdkreis:
beide: Urbi et orbi.